· SG HIRSCHI
Was macht eigentlich ein Flugleiter?
Wenn im Frühling die Tauben zum ersten Mal in den Himmel steigen, beginnt für die Züchter eine besondere Zeit. Doch damit alles reibungslos läuft, braucht es im Hintergrund jemanden, der koordiniert, plant und entscheidet: den Flugleiter.
Der Saisonstart: Jungtauben, Training und erste Flüge
Nach der Aufzucht der Jungtauben in den Monaten Februar und März beginnt für viele Züchter im April die Vorbereitung auf die Saison mit den Alttauben. Bereits vor und während der Aufzucht haben die Tauben täglichen Freiflug am Haus. Zum Ende und nach der Aufzucht folgt eine Phase, wo zunächst private Trainingsflüge auf dem Programm stehen, bei denen die Kondition der Brieftauben Schritt für Schritt wieder antrainiert wird. Kurz darauf folgen die gemeinschaftlich durchgeführten Vorflüge, bei denen sich die Tauben an den Transport, fremde Umgebungen und das Flugverhalten im Schwarm gewöhnen. Die Tauben lernen, sich rechtzeitig vom Schwarm zu trennen, damit sie zielsicher ihren jeweiligen Heimatschlag anfliegen können.

Diese Phase ist essenziell, um die Tiere schrittweise auf die bevorstehenden Flüge vorzubereiten – und gleichzeitig beginnt auch für die Flugleiter die eigentliche Arbeit.
Die Flugsaison: 12 Wochenenden voller Spannung
Die eigentliche Flugsaison findet über zwölf Wochenenden hinweg im Mai, Juni und Juli statt. An jedem dieser Wochenenden wird ein Flug über Distanzen zwischen 150 und 650 Kilometern durchgeführt. Dabei ist nicht nur das Training der Tiere entscheidend, sondern vor allem auch die Organisation im Hintergrund. Denn ohne Planung, Wetterbeobachtung, Kommunikation und Koordination wäre kein einziger dieser Flüge denkbar – und genau hier kommt der Flugleiter ins Spiel.
Wer entscheidet eigentlich, von wo geflogen wird?
Schon zu Beginn der Saison einigt sich jeder Verein auf ein verbindliches Flugprogramm. Darin ist festgelegt, von welchen Orten im Laufe der Wochen gestartet werden soll. Diese Planung orientiert sich an geografischen Gegebenheiten, Erfahrungswerten und dem Anspruch, die Tauben Schritt für Schritt an grössere Herausforderungen heranzuführen.
Doch selbst das beste Programm bleibt nur Theorie, wenn es nicht mit dem Wetter und der Realität abgeglichen wird – eine der zentralen Aufgaben des Flugleiters.
Wetterbeobachtung: Täglicher Blick in den Himmel
Ein guter Flugleiter beginnt bereits unter der Woche mit der Analyse der Wetterlage. Dabei werden verschiedene Parameter berücksichtigt: Windrichtungen und -stärken, Nebelentwicklung, Regenwahrscheinlichkeit, Bewölkung, Temperaturschwankungen und Sonneneinstrahlung. All diese Parameter müssen auf verschiedenen Höhen (z.B. 2m ab Boden, 50m und 100m ab Boden) kontrolliert werden.
Die Kunst besteht insgesamt darin, einen Flugtag zu finden, an dem möglichst faire Bedingungen für alle Teilnehmer herrschen – und gleichzeitig das Wohl der Tiere jederzeit im Mittelpunkt steht. Nicht selten müssen Flüge auch ganz abgesagt werden, weil das Wetter über mehrere Tage einfach keinen für die Tauben sicheren Auflass zulässt.

Sobald sich ein potenzieller Auflasstag abzeichnet, informiert der Flugleiter die Mitglieder des Vereins. Dabei wird auch angekündigt, bis wann (in der Regel zwei Tage vorher) die Anzahl einzusetzender Tauben gemeldet werden muss.
Organisation rund um den Einsatz
Basierend auf den Rückmeldungen der Züchter wird geplant, wie viele Boxen für den Transport benötigt werden. Am Einsatztag treffen sich die Züchter an den bekannten Einsatzstellen, registrieren ihre Tauben und laden sie in die bereitstehenden Transportboxen.
Diese Boxen werden anschliessend in den sogenannten „Kabi“ – den Kabinenwagen – verladen. Der Kabi ist ein speziell ausgestattetes Fahrzeug, das optimale Bedingungen für den Transport der Tiere bietet. Gut durchlüftet, schattig und vibrationsarm sorgt er für eine stressfreie Anreise der Tauben. Die Tauben können im Kabi problemlos mit Wasser versorgt werden.
Auch hier trägt der Flugleiter Verantwortung: Er organisiert die Fahrer, plant die Route und stellt sicher, dass alles zeitgerecht abläuft. Jeder Fahrer muss vor seinem ersten Einsatz von einem erfahrenen Fahrer entsprechend geschult werden.
Technik und Timing: Die letzte Entscheidung liegt beim Flugleiter
Ein modernes GPS-System ermöglicht es dem Flugleiter, jederzeit den genauen Standort des Kabis zu kontrollieren. In einer speziell entwickelten Web-Anwendung lassen sich zudem auch die Fahrzeuge anderer Fluggemeinschaften, etwa vom Deutschen Brieftaubenverband, einsehen.

Am Morgen des Flugtages heisst es für den Flugleiter früh aufstehen. Jetzt gilt es, den optimalen Auflasszeitpunkt zu finden – eine Entscheidung, die viele Faktoren berücksichtigt. Neben dem aktuellen Wetter spielt auch eine Rolle, wann benachbarte Vereine ihre Tauben auflassen. Schliesslich sollen sich die Schwärme nicht in der Luft kreuzen. Der kurzfristig geplante Auflasszeitpunkt wird sogleich auch in ein Portal eingetragen, damit andere Fluggemeinschaften dies in ihrer Planung berücksichtigen können.
Erst wenn alles passt, gibt der Flugleiter dem Fahrer das definitive „GO“. Die Klappen öffnen sich, der Auflass erfolgt – und die Reise der Brieftauben beginnt.
Kommunikation: Alle wollen es wissen
Kaum sind die Tauben in der Luft, informiert der Flugleiter den Verein – meist über einen Gruppenchat auf WhatsApp – über den erfolgten Auflass. Jetzt beginnt das grosse Warten. Die Spannung steigt, alle rechnen, hoffen und blicken in den Himmel. Wann kommen die ersten zurück?
Der grosse Moment: Heimkehr der Tauben
Es ist ein Gefühl, das sich kaum in Worte fassen lässt: Wenn die ersten Tauben zurückkehren, nach hunderten von Kilometern, zielstrebig und voller Energie, dann ist das Herzklopfen bei Züchtern wie auch Zuschauerinnen garantiert. Der Stolz auf die Tiere und die Freude über ihre Rückkehr machen all die Mühen der Vorbereitung vergessen.
Ein stiller Held im Hintergrund
Und genau hier ist es an der Zeit, innezuhalten und Danke zu sagen. Denn ohne den Einsatz der Flugleiter würde kein einziger dieser Momente stattfinden. Sie sorgen Woche für Woche dafür, dass alles reibungslos abläuft – mit einem hohen Mass an Verantwortung, Fachwissen und Liebe zum Detail.
Dank ihnen können wir dieses zeitlose Hobby leben und weitergeben. Es ist ihr stilles Engagement, das die Grundlage dafür bildet, dass unsere Tauben sicher fliegen – und sicher nach Hause finden.
Archivierter Originalbeitrag. Medien- und Bildnachweise im Beitrag bleiben erhalten.
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