· SG HIRSCHI
Das Brieftaubenwesen als Immaterielles Kulturerbe
Die Anerkennung des Brieftaubenwesens als immaterielles Kulturerbe in Deutschland ist ein bedeutender Schritt für eine jahrhundertealte Tradition. Doch warum war dieser Prozess schwierig, und welche Relevanz hat das für die Schweiz?
Der Weg zur Anerkennung
Das immaterielle Kulturerbe umfasst lebendige Traditionen, die von Generation zu Generation weitergegeben werden. Laut UNESCO-Definition gehören dazu kulturelle Ausdrucksformen, Wissen und Fertigkeiten, die Identität und Gemeinschaftsgefühl fördern. In Deutschland konnte das Brieftaubenwesen nach langen Diskussionen und einer sorgfältigen Prüfung durch das zuständige Expertenkomitee schliesslich als immaterielles Kulturerbe registriert werden.

Der Weg dorthin war jedoch nicht einfach. Es gab Debatten darüber, ob das Brieftaubenwesen noch als „lebendige Tradition“ gelten kann, insbesondere in einer Zeit, in der die Zahl der Züchter und Aktiven rückläufig ist. Zudem gab es kritische Stimmen bezüglich des Tierwohls und der modernen Relevanz dieser Tradition. Dennoch setzte sich die Anerkennung durch – mit der Begründung, dass das Brieftaubenwesen eine tiefe kulturelle Verwurzelung hat, Gemeinschaften verbindet und generationenübergreifendes Wissen bewahrt.
Durch die offizielle Registrierung erhält das Brieftaubenwesen eine stärkere öffentliche Wahrnehmung und kann besser gefördert werden. Dies beinhaltet beispielsweise:
- Mehr gesellschaftliche Akzeptanz und Wertschätzung
- Förderung durch Kulturprogramme und Institutionen
- Erhalt und Weitergabe des Wissens an künftige Generationen
Die Geschichte des Brieftaubenwesens in der Schweiz
Das Brieftaubenwesen hat in der Schweiz eine lange und bedeutende Tradition. Es ist nicht nur ein Hobby, sondern ein gelebtes Kulturerbe, das tief in der Geschichte verwurzelt ist. Der Austausch von Wissen über Zucht, Training und Navigation der Tauben wird seit Jahrhunderten gepflegt. Bereits im 19. Jahrhundert fanden die ersten organisierten Wettbewerbe statt, und die Brieftaubenhaltung wurde schnell populär. Vor allem in den urbanen Zentren sowie in ländlichen Regionen mit starkem landwirtschaftlichem Bezug etablierten sich zahlreiche Vereine und Verbände.
Im Herbst 1917 entschloss sich das Eidgenössische Militärdepartement (EMD) für die Gründung des Schweizerischen Brieftaubendiensts und die Anschaffung von 1’000 Jungtauben. Während der beiden Weltkriege spielten die Brieftauben eine wichtige Rolle in der Nachrichtenübermittlung. Die Schweizer Armee nutzte die Vögel als verlässliche Kommunikationsmittel, insbesondere in abgelegenen Bergregionen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte das Brieftaubenwesen einen weiteren Aufschwung, als insbesondere auch internationale Taubenflüge an Bedeutung gewannen. Im Zuge der Armeereform 95 wurden die Brieftauben aus der Schweizer Armee ausgemustert. Nach Angaben des damaligen Eidgenössischen Militärdepartements (EMD) erfolgte dieser Schritt aufgrund von Sparmassnahmen, den steigenden Betriebskosten moderner Kommunikationsmittel sowie der abnehmenden militärischen Relevanz der Brieftauben. Mit dem Entscheid vom 22. September 1994 endete eine 77 Jahre währende Tradition militärischer Nachrichtenübermittlung durch Brieftauben.

Bis heute gibt es in der Schweiz aber eine engagierte Gemeinschaft von Brieftaubenzüchtern, die das jahrhundertealte Wissen über Zucht, Training und Orientierung der Tauben bewahren. Die Herausforderungen der modernen Zeit – darunter rückläufige Mitgliederzahlen und veränderte Freizeitgewohnheiten – haben jedoch dazu geführt, dass das Brieftaubenwesen verstärkt auf öffentliche Anerkennung und fördernde Massnahmen angewiesen ist.
Relevanz für die Schweiz und Chancen für die Zukunft
Die Schweiz hat bereits zahlreiche Traditionen in das nationale Inventar des immateriellen Kulturerbes aufgenommen, darunter die Alphornmusik, die Basler Fasnacht und die Winzerfeste. Laut Bundesamt für Kultur werden jene Traditionen in das nationale Inventar des immateriellen Kulturerbes aufgenommen, die tief in der Gesellschaft verankert sind und deren Weiterbestand langfristig gefährdet ist. Das Brieftaubenwesen erfüllt diese Anforderungen in besonderem Masse und könnte daher für eine Aufnahme in Betracht gezogen werden.
Gemäss dem UNESCO-Übereinkommen zur Bewahrung des immateriellen Kulturerbes von 2003 zählen dazu «Ausdrucksformen wie Praktiken, Darbietungen, Kenntnisse und Fähigkeiten sowie die damit verbundenen Instrumente, Objekte und Kulturräume, die von Gemeinschaften als Teil ihres kulturellen Erbes anerkannt werden». Zu den zentralen Kriterien für eine Aufnahme gehören:
- eine starke gesellschaftliche Verankerung,
- die Weitergabe von Wissen und Fertigkeiten über Generationen hinweg,
- eine lebendige, sich im Austausch mit Umwelt und Geschichte fortentwickelnde Praxis,
- sowie der traditionelle Umgang mit Natur und Tierwelt.
Das Brieftaubenwesen vereint all diese Elemente: Es gründet auf einem überlieferten Erfahrungsschatz rund um Zucht, Pflege und Orientierung der Tiere, wird in Familien und Vereinen aktiv weitergegeben und spiegelt eine enge Verbindung zwischen Menschen, Tier und Umwelt wider. Angesichts sinkender Mitgliederzahlen und des schwindenden gesellschaftlichen Stellenwerts ist diese kulturelle Praxis jedoch zunehmend gefährdet – ein Umstand, der ihre Aufnahme ins Inventar besonders relevant macht.
Die Aufnahme des Brieftaubenwesens als immaterielles Kulturerbe in Deutschland könnte hierbei als Vorbild für die Schweiz dienen. Eine Bewerbung erfordert die Zusammenarbeit von Züchtern, Verbänden und Kulturinstitutionen. Es wäre eine Chance, das Bewusstsein für diesen faszinierenden Sport und sein kulturelles Erbe zu stärken. Die Entwicklung in Deutschland zeigt, dass es möglich ist, traditionelle Praktiken auch in einer modernen Gesellschaft als wertvolles Kulturgut anzuerkennen. Nun liegt es an der Schweizer Brieftaubenszene, diesen Impuls aufzugreifen und einen ähnlichen Weg einzuschlagen.
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